Zwischen Stadtgeschichte, Kriegsrealität und Zivilschutz: Die Hochbunker von Hamm prägen bis heute das Zentrum der Stadt. Sie sind steinerne Zeugen eines dunklen Kapitels – und zugleich Teil einer aktuellen sicherheitspolitischen Debatte. Eine Einordnung von Georg Schroeter.
Betonkolosse mit Geschichte
Wer durch das Hammer Stadtzentrum geht, kommt an ihnen nicht vorbei: massive, turmartige Bauwerke, die sich kantig ins Stadtbild einfügen – die Hochbunker von Hamm. Ohne sie wäre das Stadtbild heute kaum vorstellbar. Doch sie stehen für ein Kapitel deutscher Geschichte, das niemand verklären darf.
Verantwortlich für Planung und Umsetzung war Stadtbaurat Emil Haarmann. In seinen Zuständigkeitsbereich fiel während des Zweiten Weltkrieges auch der Bau der Luftschutzbunker. Damit nimmt er – wenn auch unter völlig anderen historischen Vorzeichen – eine städtebauliche Rolle ein, die in früheren Jahrzehnten Otto Krafft mit Hafen und Ringanlagen innehatte.
Bereits 1940 begann die systematische Planung von Luftschutz-Hochbunkern. Grundlage war das sogenannte „Führer-Sofortprogramm“ vom 10. Oktober 1940. Insgesamt wurden in Hamm elf Hochbunker so fertiggestellt, dass sie von der Zivilbevölkerung genutzt werden konnten (Wulf, 2002).
Schroeter ordnet ein:
„Diese Bauwerke sind keine Monumente. Sie sind Ausdruck einer Zeit, in der Zivilschutz zur Überlebensfrage wurde.“
Hamm als strategisch gefährdete Stadt
In einer Denkschrift aus dem Jahr 1942 beschreibt Haarmann die besondere Gefährdung der Stadt: Hamm sei wegen seiner Bahnanlagen, Zechen und kriegswichtigen Industrie „eine der am meisten durch Luftangriffe bedrohten Städte im westlichen Industriegebiet“ (Wulf, 2002).
Hamm gehörte zur sogenannten „I. Ordnung“ – Städte mit über 100.000 Einwohnern und strategischer Bedeutung. In der ersten Phase des Bunkerbauprogramms (1940–1941) entstanden reichsweit rund 830 Bunker mit 400.000 Liegeplätzen. Für Hamm waren ursprünglich 29 Luftschutzbunker vorgesehen – realisiert wurden letztlich elf.
Die Bauvorgaben waren massiv: Außenwände von bis zu 2,50 Metern Stärke, bombensichere Decken, mehrgeschossige Türme. Einige Anlagen wurden unter Mithilfe französischer Kriegsgefangener errichtet. Die Bunker waren als Schlafbunker konzipiert – Inhaber spezieller Berechtigungsscheine konnten sie jede Nacht nutzen und waren bei Fliegeralarm dazu verpflichtet.
Mit Beginn intensiver Luftangriffe 1944 waren alle elf Hochbunker nutzbar. Insgesamt konnten rund 28.000 Menschen bombensicher untergebracht werden.
Schroeter:
„Man muss sich die Dimension vor Augen führen: Zehntausende Menschen suchten Schutz in diesen Mauern. Das war keine Theorie – das war Überleben.“
Standorte, Nutzung und heutige Situation
Die ersten fünf Bunker entstanden in der Innenstadt: Großer Sandweg, Schillerplatz, Viktoriaplatz, Bad Hamm und Posener Straße. In einer zweiten Phase folgten fünf neungeschossige Luftschutztürme, unter anderem an der Widumstraße, Feidikstraße und am Westentor.
Einige dieser Bunker stehen bis heute. Fünf Hochbunker dienen aktuell als öffentliche Schutzräume im Rahmen des Zivilschutzes. Zusammen bieten sie rund 6.100 Schutzplätze. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 180.000 entspricht das einer Quote von rund 3,4 Prozent.
Der Bunker an der Posener Straße sorgte zuletzt für Schlagzeilen: Nach Zahlungsrückständen des Eigentümers wurde er 2025 zwangsversteigert. Der Verkehrswert lag gutachterlich bei symbolischen 1 Euro. Über 100 Interessenten beteiligten sich am Verfahren, am Ende wechselte das Objekt für 112.000 Euro den Besitzer. Der neue Eigentümer plant eine Weitervermarktung (Borgmann 2024; Funke 2025; Ahlers 2025).
Schroeter kommentiert nüchtern:
„Was einst Schutzraum war, wird heute Spekulationsobjekt. Auch das zeigt, wie sich der Umgang mit Geschichte verändert.“
Mahnung für die Gegenwart
Die Hochbunker sind Relikte einer Epoche totaler Zerstörung. Sie erinnern an Luftangriffe, an Panik, an Verlust. Doch sie sind mehr als nur Mahnmale.
In Zeiten globaler Krisen, militärischer Spannungen und geopolitischer Unsicherheit erhält das Thema Zivilschutz neue Aktualität. Deutschland hat seine Schutzinfrastruktur über Jahrzehnte vernachlässigt. Die wenigen betriebsfähigen Anlagen sind Ausnahmen.
Schroeter formuliert bewusst zurückhaltend, aber klar:
„Frieden ist keine Selbstverständlichkeit. Wer Geschichte ernst nimmt, darf Sicherheit nicht leichtfertig vernachlässigen.“
Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass diese Bauwerke nie wieder ihrer ursprünglichen Funktion dienen müssen.
Die Hochbunker von Hamm sind Teil der Stadtgeschichte. Sie stehen für eine Zeit größter Bedrohung – und für die Verantwortung, aus Geschichte Lehren zu ziehen.
Möge es bei ihrer Rolle als stumme Zeugen bleiben.
Zu weiteren Beiträgen auf meiner Seite:
https://www.georg-schroeter.de/aktuelles/
Und meinen Reden im Deutschen Bundestag:
https://www.georg-schroeter.de/bundestag/



