Gasspeicher nur zu rund 62 Prozent gefüllt / 245 Millionen Euro für die Absicherung der Winterversorgung / Washington lockert Russland-Sanktionen – Georg Schroeter warnt vor den Kosten neuer Energieabhängigkeiten
Deutschland geht mit einem erheblich geschrumpften Gaspuffer in die Heizperiode. Die Speicher liegen bei rund 62 Prozent, knapp 14 Prozentpunkte unter dem Vorjahresniveau. Für die Absicherung der Winterversorgung wurden Verträge im Umfang von 245 Millionen Euro vergeben. Während Berlin seine Energieversorgung unter hohen Kosten neu organisiert, demonstriert Washington, wie schnell sich energiepolitische Grundsätze ändern können, sobald eigene wirtschaftliche Interessen berührt sind.
Die Vereinigten Staaten lockern Sanktionen für russischen Diesel. Deutschland wiederum hat seine früheren russischen Pipelinegaslieferungen weitgehend ersetzt und bezieht inzwischen einen großen Teil seines direkt importierten Flüssiggases aus den USA. Damit offenbart sich ein grundlegender Widerspruch der deutschen Energiepolitik: Der Ausstieg aus einer einseitigen Abhängigkeit bedeutet noch keine wirtschaftliche Souveränität, wenn an ihre Stelle neue geopolitische Bindungen treten.
Für den AfD-Bundestagsabgeordneten Georg Schroeter, Diplom-Ingenieur, Unternehmer und Mitglied des Haushaltsausschusses, steht deshalb mehr auf dem Spiel als die Frage, ob die Speicher für einen weiteren Winter ausreichen. Es geht um die Fähigkeit Deutschlands, seine Energieversorgung dauerhaft sicher, bezahlbar und unabhängig von kurzfristigen Entscheidungen anderer Staaten zu organisieren.
Niedrige Speicherstände: Die Verwundbarkeit bleibt
Am 25. Oktober waren die deutschen Erdgasspeicher zu 61,65 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor lag der Wert bei 75,34 Prozent. Der Abstand ist erheblich, zumal die verbrauchsintensiven Wintermonate erst bevorstehen.
Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgungslage weiterhin als stabil. Pipelineimporte und Flüssiggaslieferungen stehen zur Verfügung, eine akute Gasmangellage ist nicht erkennbar. Doch Versorgungssicherheit lässt sich nicht allein daran messen, ob heute genügend Gas durch die Leitungen fließt.
Entscheidend ist die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber längeren Kälteperioden, Lieferunterbrechungen und Preissprüngen. Niedrige Speicherstände verringern den Puffer, mit dem solche Belastungen aufgefangen werden können. Deutschland ist dadurch stärker auf kontinuierliche Zuflüsse und funktionierende internationale Beschaffungsmärkte angewiesen.
Die finanziellen Folgen dieser Vorsorge werden bereits sichtbar. Trading Hub Europe hat am 23. Oktober Absicherungsverträge über rund 245 Millionen Euro vergeben. Allein 107 Millionen Euro entfallen auf besondere Ausschreibungen für Februar und März 2027. Weitere rund 137 Millionen Euro betreffen reguläre Maßnahmen, mit denen zusätzliche Gasmengen bei Bedarf verfügbar gehalten werden sollen.
Die Beträge sind keine unmittelbaren Einkaufskosten für das gesamte Gas, sondern Kosten für vertraglich gesicherte Bereitstellungsmöglichkeiten. Dennoch ist der haushalts- und wirtschaftspolitische Zusammenhang eindeutig: Versorgungssicherheit benötigt Reserven, Infrastruktur und finanzielle Absicherung. Wer diese Voraussetzungen vernachlässigt, muss Risiken später unter Umständen zu höheren Kosten abfangen.
„Ein Industrieland darf seine Energieversorgung nicht auf günstige Wetterprognosen stützen. Wenn die Speicher vor dem Winter deutlich niedriger gefüllt sind als im Vorjahr, brauchen wir eine belastbare Strategie für Versorgung und Preise – nicht nur die Versicherung, dass derzeit alles stabil ist“, erklärt Schroeter.
Von russischem Pipelinegas zu amerikanischem LNG
Die Neuordnung der deutschen Gasversorgung hat die Bezugsstruktur grundlegend verändert. An die Stelle großer russischer Pipelinegaslieferungen sind andere Importwege getreten. Norwegen und europäische Nachbarländer bilden weiterhin die wichtigsten direkten Lieferkanäle. Zugleich ist Flüssiggas zu einem festen Bestandteil der deutschen Versorgung geworden.
2025 entfielen rund 10,3 Prozent der deutschen Gasimporte auf direkte LNG-Lieferungen über deutsche Terminals. Etwa 96 Prozent dieser Mengen stammten aus den Vereinigten Staaten. Die Zahl beschreibt ausdrücklich nicht den amerikanischen Anteil an sämtlichen deutschen Gasimporten. Sie verdeutlicht aber, wie stark sich die direkte LNG-Beschaffung auf einen einzigen Lieferstaat konzentriert.
Die wirtschaftlichen Konsequenzen reichen über den reinen Gaspreis hinaus. LNG muss verflüssigt, transportiert und am Zielort wieder in den gasförmigen Zustand überführt werden. Die dafür erforderliche Infrastruktur verursacht Kosten. Hinzu kommen internationale Marktpreise, Transportkapazitäten und die Konkurrenz mit anderen Abnehmern.
Ein pauschaler Vergleich mit früheren russischen Pipelinepreisen greift dennoch zu kurz. Entscheidend sind konkrete Vertragsbedingungen, Beschaffungszeitpunkte und Marktpreise. Fest steht jedoch: Mit der Umstellung der Bezugswege sind neue Kostenfaktoren und neue Abhängigkeiten entstanden.
Genau hier liegt der energiepolitische Kern des Problems. Eine diversifizierte Versorgung erhöht die Widerstandsfähigkeit. Eine bloße Verlagerung der Abhängigkeit von einem dominierenden Partner auf einen anderen tut dies nur begrenzt.
Washington lockert Sanktionen – die Interessenlage wird sichtbar
Die amerikanische Energiepolitik führt diese Problematik gegenwärtig besonders deutlich vor Augen. US-Präsident Donald Trump hat eine Vereinbarung über zusätzliche russische Diesellieferungen angekündigt und dafür Teile der amerikanischen Sanktionen gegen entsprechende Kraftstoffe vorübergehend gelockert.
Die angekündigten Mengen sollen den angespannten Dieselmarkt entlasten. Russische Raffinerien haben ihre Produktion nach der Vergabe zusätzlicher Exportquoten erhöht. Berichte über eine Tankerladung von rund 40.000 Tonnen mit zunächst angegebenem Ziel New York unterstreichen, dass sich die Entwicklung nicht auf diplomatische Erklärungen beschränkt. Ob die Ladung tatsächlich in den USA gelöscht wurde, war zunächst nicht bestätigt.
Für Deutschland ist der Vorgang vor allem wegen seiner wirtschaftspolitischen Signalwirkung bedeutsam. Washington ist bereit, seine Sanktionspolitik zu verändern, wenn dies den eigenen energiepolitischen Interessen dienen soll. Deutschland hat dagegen erhebliche Mittel in die Umstellung seiner Gasversorgung investiert und bleibt zugleich auf internationale Lieferanten angewiesen.
Dabei darf der Unterschied der Märkte nicht verwischt werden: Russischer Diesel ist kein Ersatz für deutsches Erdgas. Ebenso wenig ist nachgewiesen, dass die Vereinigten Staaten die vereinbarten Lieferungen zu außergewöhnlich günstigen Preisen beziehen.
Der eigentliche Widerspruch liegt in den politischen Rahmenbedingungen. Die USA können ihre Energiehandelspolitik nach eigenen Prioritäten anpassen. Deutschland muss dagegen mit den Kosten und Risiken seiner langfristigen Beschaffungsentscheidungen umgehen. Dass zusätzliche russische Exporte zugleich Einnahmen für Moskau ermöglichen können, macht die amerikanische Entscheidung auch sicherheitspolitisch umstritten.
Eine verlässliche Energiepolitik darf sich deshalb nicht auf die dauerhafte Übereinstimmung deutscher und amerikanischer Interessen verlassen. Wirtschaftliche Partnerschaften sind wichtig. Sie ersetzen aber keine eigenständige Strategie zur Begrenzung von Abhängigkeiten.
Die Debatte über russisches Gas ist nicht beendet
Wie wenig abgeschlossen die europäische Diskussion über künftige Gaslieferungen aus Russland ist, zeigt eine am 27. Oktober veröffentlichte Befragung von Polling Europe/Euroscope.
In Deutschland sprechen sich 33 Prozent der Befragten für eine Wiederaufnahme russischer Gasimporte bereits vor dem Ende des Ukrainekrieges aus. Weitere 30 Prozent befürworten dies erst nach Kriegsende. 24 Prozent lehnen eine Rückkehr grundsätzlich ab.
Damit sind 63 Prozent unter unterschiedlichen Voraussetzungen offen für eine Wiederaufnahme. Von einer Mehrheit für sofortige Lieferungen kann allerdings keine Rede sein.
EU-weit ergibt sich ein vergleichbares Bild: 30 Prozent unterstützen eine Rückkehr vor Kriegsende, 32 Prozent erst danach und 25 Prozent lehnen sie ab. Grundlage sind 5.067 Onlineinterviews in den 27 Mitgliedstaaten, durchgeführt zwischen dem 21. und 30. September.
Die Ergebnisse dokumentieren einen politischen Zielkonflikt. Zusätzliche Lieferquellen könnten die Auswahl am Energiemarkt erweitern. Eine erneute starke Bindung an Russland würde jedoch auch bekannte geopolitische Risiken zurückbringen. Zudem könnten Energieexporte dem russischen Staat zusätzliche Einnahmen verschaffen.
Ob und unter welchen Bedingungen russisches Gas künftig wirtschaftlich günstiger wäre, lässt sich aus diesen Befragungsdaten nicht ableiten. Die Zahlen zeigen vielmehr, dass die Frage nach Preis, Versorgungssicherheit und außenpolitischen Konsequenzen weiterhin Gegenstand einer kontroversen Debatte ist.
Die industrielle Substanz zahlt den Preis
Für die deutsche Industrie sind Energiepreise keine abstrakte Größe. Sie entscheiden darüber, ob sich Produktion, Erweiterungen und neue Investitionen am Standort Deutschland noch rechnen.
Chemie, Stahl, Glas und Aluminium benötigen große Energiemengen und verlässliche Prozesse. Doch auch der Mittelstand ist betroffen. Ein Maschinenbauer, ein Lebensmittelhersteller oder ein spezialisierter Zulieferbetrieb kann seine Investitionsentscheidungen nicht allein an kurzfristigen Förderprogrammen ausrichten.
Hohe Energiekosten wirken dabei nicht isoliert. Sie treffen auf Steuern und Abgaben, Bürokratie, Finanzierungskosten und wirtschaftspolitische Unsicherheit. Für Unternehmen addieren sich diese Faktoren zu einer Gesamtbelastung, die über ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Besonders problematisch ist der Versuch, strukturelle Standortnachteile dauerhaft mit Subventionen auszugleichen. Der Staat belastet Unternehmen durch politische Vorgaben und verwendet anschließend öffentliche Mittel, um einzelne Folgen dieser Belastung wieder abzufedern. Damit wachsen Förderbedarf und Verwaltungsaufwand, ohne dass die eigentlichen Kostenursachen zwangsläufig beseitigt werden.
„Die beste Energiepolitik ist nicht die, bei der der Staat am Ende die meisten Hilfsprogramme auflegt. Entscheidend ist, dass Unternehmen auch ohne dauerhafte Zuschüsse wettbewerbsfähig produzieren können. Dafür brauchen sie bezahlbare Energie und verlässliche Rahmenbedingungen“, betont Schroeter.
Der Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit erfolgt selten schlagartig. Investitionen werden verschoben, Erweiterungen an anderen Standorten vorgenommen und frei werdende Arbeitsplätze nicht mehr ersetzt. Die Folgen solcher Entscheidungen werden häufig erst Jahre später in der Wirtschaftsstatistik sichtbar.
Kernenergie: Der Wert bestehender Infrastruktur
Auch die Debatte über Deutschlands gesicherte Stromerzeugung erhält angesichts dieser Entwicklung neue Bedeutung. Der frühere Hamburger Umweltsenator und Energieexperte Prof. Dr. Fritz Vahrenholt warnt vor den Risiken niedriger Gasreserven und kritisiert den deutschen Kernenergieausstieg.
Gemeinsam mit dem Energieökonomen Björn Peters hat er einen Vorschlag zur Reaktivierung von fünf stillgelegten Kernkraftwerken vorgelegt. Die Autoren veranschlagen dafür rund vier Jahre und Investitionen von etwa 8,5 Milliarden Euro.
Diese Schätzung ist kein unabhängig bestätigter Investitionsplan. Der Zustand einzelner Anlagen, der bereits erfolgte Rückbau, rechtliche Voraussetzungen, Sicherheitsanforderungen und die Verfügbarkeit von Fachpersonal müssten standortbezogen geprüft werden.
Dennoch verweist der Vorschlag auf einen grundlegenden wirtschaftlichen Aspekt: Bestehende Energieinfrastruktur besitzt einen erheblichen Wert. Netzanschlüsse, Kühlwassersysteme, technische Anlagen und erschlossene Standorte lassen sich nicht ohne Weiteres ersetzen.
Für eine sachgerechte Entscheidung reicht es deshalb nicht, allein die Kosten einer möglichen Reaktivierung zu betrachten. Ihnen müssen die Kosten des Rückbaus, der Ersatzkapazitäten und des langfristigen Netz- und Kraftwerksausbaus gegenübergestellt werden.
Gerade aus Sicht eines Ingenieurs und Haushaltspolitikers ist eine solche Gesamtrechnung entscheidend. Die Frage lautet nicht, welche Technologie politisch erwünscht ist, sondern welche Kombination aus Erzeugung, Infrastruktur und Versorgungssicherheit über Jahrzehnte wirtschaftlich tragfähig bleibt.
Energiesouveränität entsteht nicht durch den Wechsel des Lieferanten
Deutschlands Gasversorgung ist gegenwärtig stabil. Doch die niedrigen Speicherstände, die zusätzlichen Absicherungskosten und die veränderte internationale Energiepolitik machen deutlich, wie verwundbar ein Industriestandort durch konzentrierte Importabhängigkeiten werden kann.
Der amerikanische Russland-Deal ist dabei weniger eine unmittelbare Antwort auf die deutsche Gasfrage als ein Hinweis auf die Grenzen energiepolitischer Verlässlichkeit. Staaten ändern ihre wirtschaftlichen Prioritäten, Märkte reagieren auf Krisen und Handelsbeziehungen können sich kurzfristig verschieben.
Deutschland braucht deshalb eine Energiepolitik, die solche Veränderungen von Beginn an berücksichtigt: durch breiter aufgestellte Bezugsquellen, ausreichende Reserven, gesicherte Erzeugungsleistung und eine wirtschaftliche Bewertung vorhandener Infrastruktur.
„Wir haben unsere Energieabhängigkeiten verändert, aber nicht ausreichend verringert. Eine Industrienation muss ihre Versorgung auch dann sicherstellen können, wenn internationale Partner ihre Interessen neu definieren. Dazu gehören eine belastbare Importstrategie, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine ernsthafte Prüfung aller verfügbaren Kraftwerksoptionen“, fordert Schroeter.
Die Bundesregierung muss sich daran messen lassen, ob ihre Entscheidungen die industrielle Wertschöpfung dauerhaft sichern. Versorgungssicherheit ist keine Frage politischer Ankündigungen, sondern eine technische und wirtschaftliche Voraussetzung für Wohlstand.
Deutschlands industrielle Stärke ist kein Naturgesetz. Wer ihre energetischen Grundlagen verteuert und ihre Versorgung von fremden Entscheidungen abhängig macht, gefährdet langfristig die wirtschaftliche Substanz des Landes.
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