CDU verliert in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin massiv / Infratest dimap schätzt in den drei Wahlen zusammen rund 175.000 Stimmen im Saldo von der CDU zur AfD / Merz nennt das Ergebnis in MV selbst ein „Desaster“ / Schroeter sieht die Ursache tiefer als bei Kandidaten oder Kommunikation / „Die CDU hat einen Politikwechsel versprochen – und viele ihrer eigenen Wähler erkennen diesen Politikwechsel nicht“
Drei Wahlen innerhalb von zwei Wochen. Drei schwere Niederlagen für die CDU.
In Sachsen-Anhalt fällt die Union auf 17,2 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern erreicht sie nur noch 4,9 Prozent und scheitert erstmals bei einer Landtagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin verliert sie gegenüber 2023 fast zehn Prozentpunkte und kommt nur noch auf 18,8 Prozent. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete insbesondere das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern selbst als „Desaster“ und räumte ein, dass der notwendige Rückenwind aus Berlin gefehlt habe.
Doch für den AfD-Bundestagsabgeordneten Georg Schroeter greift die Debatte darüber, ob Merz ausreichend beliebt ist oder die CDU ihren Kurs besser kommunizieren müsse, zu kurz.
Aus seiner Sicht liegt das Problem tiefer.
Die Union habe über Jahre geglaubt, dass konservative und bürgerliche Wähler unabhängig vom eigenen politischen Kurs letztlich zur CDU zurückkehren würden. Die jüngsten Wahlergebnisse und Wählerwanderungen stellten diese Annahme zunehmend infrage.
„Die CDU redet ständig darüber, wie sie ihre Wähler zurückholen will. Sie sollte sich zuerst fragen, warum diese Menschen gegangen sind. Nicht die Wähler haben ihre Überzeugungen verraten. Aus ihrer Sicht hat sich die Partei von dem entfernt, wofür sie gewählt wurde.“
175.000 Stimmen wechseln im Saldo von der CDU zur AfD
Besonders deutlich wird die Entwicklung beim Blick auf die Wählerwanderungen.
In Sachsen-Anhalt verlor die CDU nach dem Modell von infratest dimap im Saldo rund 83.000 Stimmen an die AfD. Die Analyse kommt zugleich zu dem Ergebnis, dass ein Teil der ehemaligen CDU-Wähler aus Überzeugung zur AfD wechselte, während andere weiterhin Vorbehalte hatten. Wie groß die jeweiligen Gruppen genau sind, lässt sich aus den Daten nicht seriös bestimmen.
In Mecklenburg-Vorpommern wiederholte sich die Bewegung. Dort gingen im Saldo rund 32.000 Stimmen von der CDU zur AfD. Gleichzeitig gewann die AfD noch deutlich mehr ehemalige Nichtwähler sowie frühere SPD-Wähler – ihr Erfolg lässt sich also nicht auf eine einzige Gruppe reduzieren.
Und selbst in Berlin, wo nicht die AfD, sondern die Linke die Wahl gewann, verlor die CDU im endgültigen Wanderungsmodell rund 60.000 Stimmen an die AfD.
Zusammengenommen ergibt das einen geschätzten Nettosaldo von etwa 175.000 Stimmen, die bei diesen drei Wahlen von der CDU zur AfD wanderten.
Für Schroeter ist gerade diese Zahl wichtiger als jede Personaldebatte.
„Man kann einmal von einem regionalen Sonderfall sprechen. Beim zweiten Mal wird die Erklärung schwieriger. Und wenn selbst in Berlin zehntausende frühere CDU-Stimmen zur AfD wandern, kann man nicht mehr so tun, als seien diese Menschen lediglich versehentlich bei der falschen Partei gelandet.“
Die CDU versprach selbst den „Politikwechsel“
Hinzu kommt für Schroeter die Frage, mit welchem Versprechen Friedrich Merz überhaupt angetreten war.
Das gemeinsame Bundestagswahlprogramm von CDU und CSU 2025 trug den Titel „Politikwechsel für Deutschland“. Die Union versprach darin ausdrücklich eine „grundlegend andere Politik“. Sie kündigte unter anderem an, an der Schuldenbremse festzuhalten, illegale Migration stärker zu begrenzen und einen politischen Kurswechsel gegenüber der Ampelregierung einzuleiten.
Besonders deutlich formulierte die Union damals zur Haushaltspolitik:
„Wir halten an der Schuldenbremse des Grundgesetzes fest.“
Und weiter:
„Die Schulden von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.“
Nur wenige Wochen nach der Bundestagswahl brachten CDU/CSU und SPD gemeinsam eine Grundgesetzänderung auf den Weg. Sie nahm bestimmte Verteidigungsausgaben von der Schuldenregel aus und ermöglichte ein kreditfinanziertes Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität. Der Bundestag beschloss die Änderung am 18. März 2025.
Union und SPD begründeten diesen Schritt mit der veränderten Sicherheitslage und dem hohen Investitionsbedarf Deutschlands. Die CDU argumentierte, außergewöhnliche Umstände erforderten eine neue finanzpolitische Antwort.
Schroeter bewertet denselben Vorgang anders.
Für ihn ist er ein Beispiel dafür, warum ein Teil der früheren Unionswählerschaft der CDU nicht mehr zutraut, den angekündigten Kurswechsel tatsächlich umzusetzen.
„Wer vor der Wahl einen Politikwechsel verspricht, muss sich nach der Wahl daran messen lassen. Gerade bei grundlegenden Fragen können Parteien nicht erwarten, dass ihre Wähler jede Kehrtwende einfach vergessen. Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit – und es verschwindet, wenn Anspruch und Regierungspolitik auseinanderfallen.“
Ein ehemaliger CDU-Wähler hört nicht auf, bürgerlich zu sein
Genau an diesem Punkt setzt Schroeters Kritik am Selbstverständnis der Union an.
Die CDU spreche über ehemalige Wähler häufig, als handele es sich weiterhin um einen politischen Besitzstand: Menschen, die eigentlich zur Union gehörten und lediglich zurückgewonnen werden müssten.
Doch Wähler gehören keiner Partei.
Und ein Mensch, der jahrzehntelang CDU gewählt hat, verliert nach Schroeters Auffassung nicht automatisch seine politischen oder gesellschaftlichen Grundüberzeugungen, weil er sein Kreuz inzwischen bei einer anderen Partei macht.
„Die CDU kann nicht festlegen, dass jemand nur so lange bürgerlich ist, wie er CDU wählt. Das entscheidet nicht das Konrad-Adenauer-Haus. Die Menschen entscheiden selbst, welche Partei ihre politischen Vorstellungen vertritt.“
Die Wahlanalysen liefern zumindest Hinweise darauf, dass die Wechsel zur AfD nicht vollständig als kurzfristiger Protest erklärt werden können. Für Sachsen-Anhalt stellte infratest dimap fest, dass ein Teil der ehemaligen CDU-Wähler aus Überzeugung wechselte. Gleichzeitig bestehen bei anderen AfD-Wählern weiterhin Vorbehalte.
Die ARD kommt nach den jüngsten Landtagswahlen insgesamt zu der Einschätzung, dass die AfD inzwischen über eine gefestigtere Wählerschaft verfügt und nicht mehr ausschließlich als Protestpartei beschrieben werden kann.
Das bedeutet nicht, dass ehemalige CDU-Wähler dauerhaft bei der AfD bleiben werden.
Es bedeutet aber, dass die CDU ihre Rückkehr nicht voraussetzen kann.
Die Brandmauer beantwortet nicht, warum die Wähler gegangen sind
Auch die sogenannte Brandmauer löst dieses Problem nicht.
Die CDU kann selbst entscheiden, mit welchen Parteien sie kooperiert. Sie kann politische Positionen der AfD ablehnen und eine Zusammenarbeit ausschließen.
Aber damit beantwortet sie noch nicht die Frage, weshalb frühere Unionswähler ihre Stimme inzwischen einer anderen Partei geben.
Für Schroeter liegt genau darin der strategische Fehler.
„Eine Brandmauer kann eine Entscheidung der Parteiführung sein. Sie ist aber keine Antwort an den Wähler. Die CDU kann der AfD widersprechen. Was sie nicht kann, ist ihren ehemaligen Wählern erklären, dass deren politische Entscheidung nicht zählt oder dass sie eigentlich immer noch zur CDU gehören.“
Gerade die Unterschiede zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin machen diese Argumentation aus Schroeters Sicht stärker.
Im Nordosten gewinnt die AfD mit 38,2 Prozent. In Berlin wird dagegen die Linke stärkste Kraft. Es handelt sich offensichtlich nicht um identische Wahlen mit identischen Ursachen.
Und trotzdem verliert die CDU in beiden Ländern erheblich – und in beiden Ländern zeigt die Wählerwanderung einen deutlichen Abfluss zur AfD.
Das Problem ist größer als Friedrich Merz
Damit verändert sich auch die Frage nach der Verantwortung von Friedrich Merz.
Merz ist Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender. Er trägt deshalb politische Verantwortung für den Kurs seiner Partei. Nach Mecklenburg-Vorpommern räumte er selbst ein, dass aus Berlin der notwendige Rückenwind gefehlt habe. Gleichzeitig kündigte er an, weiterzumachen und seine Reformagenda umzusetzen.
Schroeter fordert daraus ausdrücklich nicht den Rücktritt des Kanzlers.
Denn damit würde die Debatte aus seiner Sicht auf eine Personalfrage reduziert.
Das eigentliche Problem sei größer als Friedrich Merz.
Die CDU müsse sich entscheiden, ob sie lediglich ihre Umfragewerte reparieren oder tatsächlich verstehen wolle, warum sich ehemalige Stammwähler von ihr nicht mehr vertreten fühlen.
„Es wäre zu einfach, Friedrich Merz auszutauschen und danach zu glauben, das Problem sei gelöst. Die CDU muss sich mit der Frage beschäftigen, warum so viele frühere Wähler ihr nicht mehr glauben, dass sie für einen echten Politikwechsel steht. Solange sie diese Frage nicht beantwortet, wird auch ein anderer Parteivorsitzender dasselbe Problem haben.“
Die CDU hat keinen Anspruch auf ihre ehemaligen Wähler
Die Ergebnisse von Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin erzählen deshalb keine einheitliche Geschichte über Deutschland.
Aber sie erzählen eine Geschichte über die CDU.
Eine Partei, die 2025 mit dem Versprechen eines „Politikwechsels“ antrat, verliert inzwischen in sehr unterschiedlichen Bundesländern erhebliche Teile ihrer früheren Wählerschaft. Ein beträchtlicher Teil dieser Stimmen wandert zur AfD.
Schroeter sieht darin keinen Irrtum der Wähler, sondern eine politische Entscheidung, die die Union ernst nehmen müsse.
„Die CDU muss aufhören, ihre ehemaligen Wähler wie verlorenes Eigentum zu behandeln. Wer sich von einer Partei nicht mehr vertreten fühlt, sucht sich eine andere. Viele bürgerliche Wähler haben diese Entscheidung inzwischen getroffen. Die CDU kann die AfD ablehnen – aber sie kann den Menschen nicht vorschreiben, welche Partei sie als ihre politische Vertretung betrachten.“
Damit richtet sich Schroeters Botschaft nach diesem Wahlwochenende nicht gegen eine einzelne Person.
Sie richtet sich an die CDU insgesamt:
Nicht die Frage, wie man ehemalige Wähler zurückholt, muss am Anfang stehen. Sondern die Frage, warum diese Wähler überhaupt gegangen sind.
Zu anderen Beiträgen auf unserer Webseite:
https://www.georg-schroeter.de/aktuelles/
und meinen Reden im Deutschen Bundestag:
https://www.georg-schroeter.de/bundestag/reden/




